Einführung

Haben die Reichen ihr Einkommen verdient?
Fährt dein Chef also seinen Porsche zurecht?

Und Verdienst du eigentlich so viel wie du verdienst?

Ist die Ungleichheit zu hoch? Oder zu niedrig?

Wie kann man das überhaupt wissenschaftlich bewerten? Was ist gerechtfertigt, was nicht?
Findest du etwa die Ungleichheit zu hoch? Wenn ja: Ein Unternehmer wird ja meist dadurch reich, dass er ein Produkt verkauft, für das die Leute freiwillig bereit sind entsprechendes Geld zu zahlen? Auch zwingen Unternehmen ja die Leute nicht bei ihnen zu arbeiten. Die Arbeiter willigen ja ein für einen bestimmten Lohn eine bestimmte Leistung zu erbringen? Oder ... nicht?
Oder velleicht findest du die Ungleichheit auch zu niedrig? Aber woran machst du das fest?

These

Ich beantworte euch heute die Frage, was die ökonomischen Theorien dazu sagen und es wird ein bisschen shocking.

Denn, meine These in diesem Video ist, dass DIE Verteilungstheorie, die man als Ökonom von Vorlesung eins an reingeballert bekommt die Realität an so zentralen Stellen so weit übergeht, dass sie uns leider im Alltag nicht besonders weiterhilft, ja vielleicht sogar schadet. Und dennoch ist die Theorie so weit verbreitet und wirkmächtig, dass sie überall im Diskurs, mal mehr mal weniger offensichtlich, auftaucht.

Wie man stattdessen gut über Verteilung nachdenken kann, erzähle ich euch natürlich auch, später im Video. Das ist wahrscheinlich auch für viele ungleichheitskritischere Menschen interessant, denn, woran macht man zu viel Ungleichheit fest?

Jetzt denkst du dir vielleicht: "Boah Ruben, wieso musst du uns dann denn diese langweilige Theorie erklären, wenn du sagst der ist eh nicht gut um die Welt zu verstehen, erzähl uns doch einfach nur den zweiten Teil?!"

Nein! denn: Wissen ist Macht. Und Ökonomisches Wissen ist viel zu häufig aufgeblasen und Elitediskurs. Dabei geht die Ökonomie alle an, auch DICH!

Und überhaupt, diese Themen bestimmen mit, wieviel du jeden Monat zum Leben in deinem Geldbeutel hast! Das sind so fundamentale Fragen, hallo?!
Also wenn du immer, wenn es um ökonomische Themen geht, so ein ungutes Gefühl hast, dass du da eigentlich mehr zu wissen solltest, aber auch gar nicht weißt wo anfangen, und, oh gott ist das alles trocken, dann bleib dran.

Begrüßung

Und damit: Willkommen bei Rubynomics! Ich bin Ruben, promovierter Ökonom und möchte euch ökonomische Themen allgemeinverständlich erklären. Aus dem Elfenbeinturm heraus, zu euch nach Hause.

Verteilung in Deutschland

Zuerst: bevor wir uns große Gedanken über gerechte Verteilungen machen, sollten wir uns einmal anschauen: wie sieht denn das Einkommen der Reichen überhaupt aus? Das wird uns die nachfolgende Analyse nämlich auch vereinfachen.
Dazu gibt es eine tolle Studie vom Deutschen Institut für Wirtschafts-forschung
1, die sich da alle Erwachsenen in Deutschland angeschaut haben.


Das Durchschnittseinkommen der gesamten arbeitenden Bevölkerung liegt hier - nach Sozialabgaben, aber noch vor Steuern - bei knapp 44 Tausend €. Die unteren 50%, das sind ca. 34 Millionen Erwachsene, verdienen im Schnitt knapp 18 Tausend €. Die reicheren 40%, also die ca 27 Millionen Erwachsenen, die von der Mitte, bis gerade zu den oberen 10% herangehen, verdienen im Schnitt knapp 50 Tausend €. Jetzt fehlen nur noch die oberen 10%. Die oberen 9%, also ohne die Top 1% verdienen im Schnitt knapp 100'000€, also ca. das doppelte der 40% unter ihnen. Und dann wird es interessant. Wir schauen nun nur noch auf die oberen 1%. Und dort zuerst auf die ärmeren 0.9% der 1%, also lassen die reicheren 0,1% noch außen vor. die top 0,9% verdienen ca. 350'000€, also das dreieinhalbfache der oberen...{{{etc}}} von den reichsten 6,700 Erwachsenen,
die verdienten knapp das
260-fache des Durchschnittseinkommens.
Nun sind diese oberen 0,01% natürlich sehr wenige Menschen.

Woraus gewinnen sie denn das Einkommen? Die Einkommen der unteren 90% der Einkomensverteilung bestanden 2019 zum absoluten Großteil aus Löhnen.

Dann passiert etwas sehr interessantes: Je einkommensreicher die Leute, desto weniger wichtig werden Löhne. Bei den oberen 0,01%, also den 6700 reichsten sind es vor allem Profite aus Gesellschaften mit begrenzter Haftung (Kommanditengesellschaften oder GmbH & Co KGs)

Also: um uns sie Sache ein bisschen einfacher zu machen, sagen wir
das Einkommen der Reichen nur aus Profiten und das Einkommen aller anderen nur aus Löhnen. Dann können wir erstmal diese Einkommensarten gegenüberstellen.

Unsere neue Frage lautet also vereinfacht: "Sind die Profite verdient?"
Um das zu beantworten müssen wir klären, wie Profite entstehen.

Grundsätzlich erstmal: der Profit einer Firma kann nur aus den Einnahmen der Firma entstehen. Jede Firma hat irgendeine Form von Einnahmen. Das kann man sich als Kuchen vorstellen. Aus diesen Einnahmen muss die Firma alle ihre Kosten bestreiten. Das was dann am Ende übrig bleibt, das ist der Profit. Zu den Kosten gehören Rohstoffe, Vorprodukte, Strom und natürlich für uns ganz wichtig: Löhne! Der Rest ist Profit, der muss natürlich versteuert werden, aber kann dann ausgeschüttet werden. Damit wird er zum Einkommen der Firmeninhaber.
Super, jetzt sehen wir auch, dass sich Löhne und Profite um den gleichen Kuchen zanken. Es geht also wirklich um Verteilung des Kuchens. Das gemeinsam Erwirtschaftete muss verteilt werden auf Löhne und Profite.
Aber hier geht der Spaß natürlich erst los, denn welche Kuchenstückgrößen sind denn nun gerecht?
Wie erklären sich also Profite?
Kommen wir damit zur weitverbreitesten und wirkmächtigsten Theorie zur Verteilung von Löhnen und Profiten. Die "Grenzprodukt-Theorie der Verteilung". Diese Theorie ist zentraler Bestandteil der neoklassischen Denkschule der Wirtschaftswissenschaftenlernt und wirklich jede Studentin und jeder Student, der oder die auch nur in irgendeiner volkswirtschaftlichen Vorlesung gesessen hat, kennt sie
2. Und das sind sehr viel mehr Leute als dann wirklich Volkswirtschaftler, denn die Einführungsvorlesungen bekommen auch Heerschaaren an BWLern, Soziologen, Politikwissenschaftler und Jursiten etc mit. Das ist durchaus wichtig, denn Ökonomen lernen im Laufe ihres Studiums wichtige Einschränkungen dieser Theorien, die jedoch die 90 % der andern Leute nicht lernen. Also irgendwas in dem Dreh

Die Econ 101 - Theorie

setup und grenzprodukt der Arbeit

Um das euch schnell zu erklären male ich mal ein paar Bildchen. Ich verspreche, es gibt keine Formeln!

Stellen wir uns einen Tischlereibetrieb vor. Ziel des Betriebes ist: Gewinn machen. Womit? Mit Tischen. Um diese zu produzieren braucht der Eigentümer des Betriebes Werkbänke (mit allen Werkzeugen die nötig sind) und Tischler.

Er hat zwei Werkbänke gekauft und muss nun Tischler einstellen. Er weiß, wenn er einen Tischler einstellt, dann stellt dieser 5 Tische her. Wenn er einen oder eine zweite einstellt, dann stellt diese an der zweiten Werkbank ebenfalls 5 Tische her. Wenn er einen Dritten einstellt, dann muss ich dieser dritte Tischler allerdings die Werkbänke mit den anderen Tischlern teilen, und kann deshalb nicht mehr fünf, sondern nur noch zwei Extra Tische herstellen. Stellt er einen vierten ein wird es komplett unübersichtlich und der Tischler kann nur noch einen weiteren Tisch herstellen.

Dieser Output, den dann immer ein zusätzlicher Tischler produziert, nennen wir Ökonomen GRENZPRODUKT. Tischler 2 hat ein Grenzprodukt von 5 Tischen, Tischler 3 von 2 Tischen und Tischler 4 von einem Tisch.

Arbeitsangebot und Nachfrage im Gleichgewicht -> Preis

Mit dieser Erkenntnis gehen wir jetzt auf den Arbeitsmarkt für Tischler. Der Eigentümer sagt: also wenn mich ein Tischler so viel im Monat kostet, dass ich dafür 4 Tische verkaufen muss, dann kann ich nur 2 Tischler einstellen. Denn der dritte Tischler baut mir ja nur 2 Tische und kostet mich umgerechnet 4. Da wäre ich ja schön blöd. {insert joke about einen sehr schlecten Geschäftsmann den man kennt, dass nur so jemand diese Entscheidung treffen würde.. wer?}

Ist der Tischlerlohn aber niedriger, also vllt nur umgerechnet 2 Tische im Monat, dann würde er diesen Tischler gerade noch einstellen.

Super, dann haben wir die Nachfragseite auf dem Tischlermarkt. Die Angebotsseite besteht dann aus den Tischlern. Je höher die Löhne sind desto mehr wollen die Tischler arbeiten, bzw desto mehr Leute werden zu Tischlern umschulen etc.
Also wenn die Löhne steigen, wollen auch mehr Tischler arbeiten, aber auch weniger Tischlereien Tischler einstellen. Und umgekehrt. Fallen die Löhne, wollen weniger Tischler arbeiten, aber für mehr Tischlereien lohnt es sich mehr Tischler einzustellen. Diese entgegengesetzten Bewegungen haben aber den schönen Effekt, dass sie sich bei einem Lohn einpendeln... Das große Glück des Gleichgewichts!
Denn, wenn einer der Tischlereimeister sagt: Ha, ich bin schlau! Ich zahle meinen Tischlern weniger Lohn und habe dadurch mehr Gewinn in der Tasche, dann fällt er in diesem perfekten Wettbewerbsmarkt, von dem man in Econ 101 ausgeht, richtig auf die Schnauze. Denn alle seine Tischler sagen dann, ciao! Auf der anderen Straßenseite und auch überall im Rest von Deutschland wird mehr gezahlt, und hey, dann mach ich easy da weiter. Also kann der Tischlereibesitzer gar nicht weniger zahlen.
Wenn euch dieses Gedankenbild etwas schief vorkommt, ja.. bear with me!

Denn den wichtigen Punkt von vorhin muss ich nochmal wiederholen: der Tischlereimeister wird immer genau so viele - und nicht mehr - Tischler einstellen, bis der Marktlohn dem Grenzprodukt des zuletzt eingestellten Tischlers entspricht. Also ist der Lohn umgerechnet zwei Tische, dann stellt er drei Tischler ein ist der Lohn umgerechnet ein Tisch pro Monat dann stellt er 4 Tischler ein.
Also der Lohn der Tischler entspricht immer dem Grenzprodukt des zuletzt eingestellten Tischlers.

Und dies wird interpretiert als "ah, wenn ich alles gleich lasse und nur einen weiteren Arbeiter einstelle, dann schafft er 2 Tische, ganz alleine, während der REst unverändert bleibt. Diese zwei Tische gehen also nur ganz allein auf ihn zurück. Das ist genau das, was der Arbeiter an Wert schafft."

Anders ausgedrückt: Der Lohn eines Arbeiters spiegelt genau den Wert wider, den er oder sie zum Umsatz beiträgt. Wie sieht es mit dem Rest aus? Schauen wir uns den Umsatz-Kuchen nochmal an, bleiben nur noch der Profit und die weiteren Kosten für Rohstoffe, Vorprodute, etc übrig. Diese Kosten für Vorprodute und Rohstoffe nehmen wir hier als gegeben. Interessanter ist hier natürlich, ob der Profit genau den Wert widerspiegel, den das Kapital - also die Werkbänke, das Eigentum des Tischlereibesitzers - zum Umsatz beiträgt.
Konkret könnten wir das Spiel von oben, mit den Grenzprodukten der Tischler auch mit dem Grenzprodukt der Werkbänke wiederholen. Also hält man die Anzahl der Tischler konstant, wie viele Werkbänke würde man dann noch einkaufen bis man sagt: oh eine weitere Werkbank zu kaufen lohnt sich nicht, da ich dann nicht mehr Tische herstellen kann, als mich die Werkbank kosten würde. Auch hier kommt man in den Einführungsvorlesungen zum Ergebnis: ja, der Markt für Kapital funktioniert einwandfrei und das, was ich als Besitzer als Profit bleibt, entspricht genau dem Grenzprodukt seines Kapitals– also dem zusätzlichen Output, den eine weitere Werkbank ermöglicht hätte.

Wenn man dieser Story folgt, und das tun implizit sehr viele, die eben nur die Einfühungsvorlesungen besucht haben. Dann bedeutet das auch: Jeder Lohnarbeiter erhält genau das, was sie zum Wohlstand - also hier einfach der Output - beitragen. Und jeder Firmeninhaber erhält genau das, was er zum Umsatz beiträgt.

Heißt für unsere Eingangsfrage, "Haben die Reichen ihr Einkommen verdient" konkret: ja, die Reichen, also die Werkbank- und Tischlereibesitzer - haben ihr Einkommen verdient. Denn sie bekommen genau soviel, wie sie an Wohlstand geschaffen haben. Und wenn man sagt: jeder soll bekommen, was er oder sie zum output beiträgt, dann - herzlichen Glückwunsch, alles easy!!

Naja, das war ja einfach.

Case closed.

Spaß.

Econ 101 Limitationen
Es gibt nämlich mindestens
zwei
große Probleme mit der Story:

Limitation 1 - der unperfekte Markt

Limitation 1: Damit die Grenzprodukt-Theorie der Verteilung so funktioniert und so schön aufgeht, muss ein sogenannter perfekt Wettbewerbsmarkt herrschen. Stellen wir uns vor, die Tischler können nicht einfach den Arbeitgeber wechseln, wenn dieser unter ihrem Grenzertrag zahlt: Vielleicht ist die nächste Tischlerei weit weg und man will oder kann nicht wegziehen? (by the way im perfekt kompetitiven Markt kostet der Umzug Null Euro und passiert instantly).
Oder es gibt einfach nur einen Tischlereibetrieb und der kann die Tischler gegeneinander ausspielen: "Nehme eine Gehaltskürzung in Kauf, es warten viele andere und du hast keine Alternative!" Das ist schon wieder kein perfekt Wettbewerbsmarkt, denn dafür müssten soviele Tischlereiunternehmen am Start sein, dass es dieses Machtverhältnis nicht gibt.
Es kommen noch viele weitere Einschränkungen hinzu, so herrscht keine perfekte Information für die Tischler, sie wissen nicht immer transparent wo wer wieviel zahlt.
Ihr seht, dass ist alles etwas unrealistisch. Das wissen natürlich auch die VWLer, zumindest die, die über Econ101 hinausgekommen sind. Obwohl man muss schon sagen, dass lange lange sehr die Fata Morgana der perfekt kompetitiven Arbeitsmärkte auch in der Wissenschaft dominiert hat, aber insbesondere in den letzten 10 bis 20 Jahren hat sich hier die Forschung deutlich weiterentwickelt
3.
Was sagt denn die Empirie dazu?
Diese Abweichungen vom sogenannten "perfekten Markt" nennt man häufig Friktionen, sie sind also wie
Sand ... im Getriebe des Kapitalismus. Oder so.
Wie viel "Sand" im Getriebe steckt, kann man versuchen empirisch zu messen. So testet eine Studie inwieweit das Angebot an Arbeit für einzelne Firmen vom perfekten Markt abweicht.
4
Im perfekten Markt gäbe es für jeden Job einen Gleichgewichtslohn, der überall gilt. Zu diesem Lohn kann jede Firma soviele Leute einstellen wie sie will, da ist der Markt im Gleichgewicht. Sollte das Unternehmen den Lohn verringern, würden alle Arbeiterinnen kündigen, sollte sie ihn erhöhen, würde sich alle bei ihr bewerben. Die Autoren schauen sich dazu in Deutschland das Beschäftigten-Historik-Panel der Bundesagentur für Arbeit an. Das enthölt für alle Betriebe unter anderem die Anzahl der Beschäftigten und den Durchschnittslohn. Wenn man in diesen Daten empirisch sehen kann, dass Arbeiterinnen nicht den Job wechseln, wenn die Löhne fallen, oder vermehrt anheuern wenn die Löhne steigen, liegt Sand im Getriebe. Bzw.: die Unternehmen haben dann mehr Markt-Macht als in unserer perfekten Bench-Markt-Ökonomie (haha).
Knapp zusammengefasst finden die Forscher heraus, dass ja, sehr viel Sand im Getriebe ist. Die Reaktion der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer deuten an, dass sie weit weniger auf Änderungen der Löhne reagieren, als sie es in einem perfekten Markt sollten. Konkret erhalten die Arbeiter demanch auch nur ca 70% dessen, was sie in einem perfekten Markt erhalten würden, und sind damit im Rahmen weiterer Studien zu diesem Thema.
5 Könnt ihr euch ja mal ausrechnen (Tipp: dein Gehalt mal 1,43, denn 70 mal 1,43 ist gleich 100).
Die Studienlage deutet also schonmal darauf hin, dass die Löhne im Vergleich zu den Profiten der Unternehmen zu niedrig sind und somit, für unsere Frage, ob die Reichen ihr Einkommen verdienen, würde die Antwort lauten: "Nein, sie bekommen einen zu großen Teil des Kuchens ab, als sie dazu beitragen!".

Limitation 2 - Grenzprodukt Schmenzprodukt

Kommen wir damit zum zweiten, und in meinen Augen schwerwiegenderen, und grundsätzlicheren Problem. Ich habe vorhin gesagt, dass der Tischler sein Grenzprodukt, also wieviel mehr in der Tischlerei produziert werden, wenn er zusätzlich eingestellt wird, als Lohn erhält. Dann habe ich gesagt, ah, das bedeutet er bekommt genau das, was er selbst zum Output beiträgt und so könnte man argumentieren, der Tischler bekommt einen gerechten Lohn. Doch ... so stimmt das nicht. Ein zusätzlicher Tischler führt vielleicht dazu, dass mehr produziert wird, aber er selbst produziert diese extra Tische nicht alleine. Das wäre nur richtig, wenn er mit bloßen Händen, aus dem Nichts, extra Tische herstellen kann. Dann könnte man sagen: ja, diese Tische hast du - und nur du hergestellt. Doch das ist natürlich Quatsch. Zum einen braucht es mehr Holz, das müsste man vom Grenzprodukt abziehen, zum anderen aber wird er ja auch die Werkbänke nutzen. Diese werden dadurch stärker gebraucht und abgenutzt. Als Tischlereibesitzer muss ich dann die Werkbank früher ersetzen, weil sie früher verschleißt. Das heißt, implizit werden bei einer Erhöhung der Arbeitszeit auch die anderen Produktionsfaktoren erhöht.

Oder ... Stell dir vor, du bist die Werkbank. Jetzt arbeiten plötzlich die Typen rund um die Uhr auf dir/mit Dir. Und sagen am Ende: hey, diese drei extra Tische, die habe ich GANZ ALLEINE gemacht. Wie würdest du dich fühlen? So als Werkbank? Ich denke du wärest etwas empört und würdest antworten: Ja, ne! ich habe da mit geholfen!

Man kann die zusätzliche Arbeitskraft quasi nicht isolieren. Kleiner Einschub: In den mathematischen Modellen geht das hingegen super easy, da nennt man diesen Vorgang "die Produktionsfunktion nach dem Faktor Arbeit ableiten", und da kommen dann einfach tolle Ergebnisse. Aber leider funktioniert hier die reale Welt nicht so.

Der tiefere Punkt ist der: bei kooperativen Tätigkeiten ist die Zuordnung, wer was zum Endprodukt beiträgt nicht möglich. Die Tischler alleine können ohne Werkzeug keine Tische herstellen. Und die Werkzeuge können ohne Tischler auch keine Tische herstellen. Der Besitzer der Werkzeuge, wie auch die Tischler könnten so gesehen zu Recht behaupten: nur durch meine Arbeit werden hier überhaupt Tische hergestellt, daher gehören diese mir, und mir allein. Aber das geht ja nicht auf. Dann müsste ich ja den Tischlern einmal alle Tische geben und dann den Werkzeugbesitzern einmal alles geben. Dann macht die Tischlerei auf jeden Fall dicht.

Na toll. Es gibt also keine Wissenschaft, wie man die Beiträge der Einzelnen zum gemeinsamen Erfolg berechnen kann. Das ist wirklich zentral, das zu verstehen. Um mal von diesen Tischen wegzukommen: Du arbeitest vielleicht in einem Unternehmen und die Leute im Marketing-Department wollen höhere Löhne, weil sie nachweislich dazu beitragen, dass mehr Umsatz gemacht wird. Doch für diesen Umsatz müssen eben die Sachen, die dieses Unternehmen verkauft, eben auch produziert werden. Der zusätzliche Umsatz durch effektive Werbung ist nicht allein den Marketern zuzuschreiben, sondern die Leute im Unternehmen, die nun mehr produzieren, oder auch versenden müssen, sind ja ebenso notwendig, damit der höhere Umsatz auch erzielt werden kann.
Oder du hast einen Chef in einem Unternehmen, der sich "self-made" nennt und sagt ohne ihn gäbe es den ganzen Laden nicht, die Leute können froh sein, dass er ihnen Arbeit gibt. Auch hier handelt es sich um eine Kooperation und der Anteil des Chefs am Erfolg ist nicht zu trennen vom Anteil des Restes der Belegschaft.
Undsoweiter!
Das ist übrigens auch keine neue Erkenntnis, diese Diskussionen gibt es schon seitdem es die Grenzprodukt-Theorie der Verteilung gibt, also spätestens seit ca 1850.
6 Sie war, zumindest in Teilen, damals auch eine Reaktion auf den aufkommenden Sozialismus, der den Kampf um die Verteilung zum zentralen Thema gemacht hatte und die dato herrschende Verteilung als extrem ungerecht ansah. Da war die Grenzprodukttheorie auch ein Weg zu sagen: schaut mal, man kann die Verteilung mathematisch errechnen und siehe da, alles ist fine! 7 Aber sie ist ein bisschen in Vergessenheit geraten.

Und nun?

Aber wie bestimmt sich die Aufteilung des gemeinsam erwirtschafteten dann, wenn man gar nicht sagen kann, wer wieviel beigetragen hat?
Kurz gesagt: Diese Aufteilung wird verhandelt. Hier geht es zentral um Macht und Machtverhältnisse zwischen den Parteien. Der vielleicht wichtigste Aspekt in den Verhandlungen ist, wie gut die jeweiligen Alternative der Parteien zu einer gemeinsamen Kooperation sind.
8 Die jeweiligen Entlohnungen bei Kooperation müssen immer größer sein, als diese Alternativen. Denn wieso sollte ich Anstrengung und Zeit aufwenden für etwas, was mir weniger Wert ist als eine Alternative?
Also als Angestellte oder Angestellter stellt sich die Frage: wieviel würde ich woanders verdienen? Ist der Arbeitsmarkt für mich gerade gut, oder ist es schwer eine Stelle zu finden? Je besser der Arbeitsmarkt für mich läuft, desto höher müsste eine Entlohnung sein. Gerade am unteren Ende der Einkommen ist es die Frage, wie hoch die Sozialleistungen sind, falls ich arbeitslos werden sollte? Ich würde wahrscheinlich nicht arbeiten, wenn ich für das nicht-arbeiten mehr Geld bekomme. Je geringer die Sozialleistungen sind, und je kürzer sie nur gewährt werden, desto schlechter die Verhandlungsposition für die, für die das die beste Alternative wäre. Daher sind hohe Sozialleistungen immer auch ein Garant für noch höheres Einkommen, gerade am eher unteren Einkommensende.
Für Unternehmer sind diese zweitbesten Alternativen häufig: wieviel bekomme ich woanders an Rendite für mein Kapital, bzw meine Arbeitskraft. Hier spielt auch mit rein, wie hoch das allgemeine Zinsniveau ist, wie einfach es ist Kapital woanders gewinnbringend anzulegen, oder ob es Kapitalkontrollen oder andere Hürden gibt.

Die Alternativen können sich aber auch ändern. Auch hier spielt Macht eine große Rolle. Wird der Sozialstaat zusammengestrichen, verschlechtern sich für viele Arbeitnehmer die zweitbesten Optionen und sie können vom gemeinsam erwirtschafteten vielleicht nur weniger heraushandeln. Sind Arbeiterinnen gewerkschatlich organisiert, womöglich wiederum mehr.

Weitere wichtige Faktoren, die diese Aushandlungen bestimmen sind Institutionen. Eine wichtige Institution ist zum Beispiel ein gesetzlicher Mindestlohn, oder auch Tarifpartnerschaften, die zu regelmäßigen Verhandlungen führen. Aber auch Auch Normen und Narrative spielen eine wichtige Rolle und können sich ändern.

Ein sehr anschauliches Beispiel, wie wichtig Normen sind, zeigt ein älterer Skandal, an den ich mich beim schreiben dieses Skriptes lose erinnert habe - von 2005! Ja, ich bin alt...
In 2005 gab es einen kleinen Skandal, weil die ARD in einigen ihrer Produktionen Schleichwerbung akzeptiert hatte. In einem dieser Schleichwerbungsfälle hatte die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft - ein Lobbyverband der Metallindustrie-Arbeitgeber - die ARD dafür bezahlt bestimmte Dialoge in der Serie "Marienhof" unterzubringen. Wir schauen uns mal einen Ausschnitt aus Folge 1938, die 2002 ausgestrahlt wurde - also zur Hochzeit der Debatte um die Agenda 2010, da ging es viel um die Kürzungen der Leistungen des Sozialstaates. -- Also genau so wie heute! -- und der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Diese Flexibilisierung sollte vor allem zu Lasten der Arbeitnehmer gehen und die Löhne senken und Profite der Unternehmen steigern. Die Leute sollten auch länger arbeiten.

Als Kontext für den Clip: Jenny hat einen neuen Job bei einer Zeitarbeiteisfirma gefunden und arbeitet bei Herrn Fechner. Für den folgenden Dialog haben die Metallindustrie-Arbeitgeber viel Geld gezahlt:
CLIP
Ja, dieser Dialog gewinnt keinen Oscar, aber das Ziel wird hier sehr klar, dass Überstunden - die hier zuerst nur dem Arbeitgeber nützen - normalisiert werden sollen, auch wenn sie vielleicht Widerstand auslösen. Interessant ist auch, dass diese Message in eine sehr deutliche Drohung verpackt wird, wenn du nicht mitziehst, dann übernehme ich dich nicht in eine Festanstellung.

Neuer Schluss

Zur Eingangsfrage, ob die Reichen ihre Einkommen verdient haben gibt es drei Antworten.
Die erste Antwort kommt aus der Econ101. Diese sagte: "ja, die Einkommen sind verdient, da jede und jeder das bekommt was er oder sie zum Wohlstand beiträgt. So hab ich es auch im ersten Semester gelernt, und von Einschränkungen habe ich da eigentlich nicht viel gehört. Außerdem sah es mathematisch auch so schön aus, es musste einfach wahr sein.. denn, können diese Formeln lügen?".
Die zweite Antwort kommt von den eher neoklassischen Ökonomen und würde lauten: nein, die Reichen haben ihre Einkommen nicht verdient, denn wir sehen, dass die Löhne sind zu niedrig sind. Und sie würden sagen "Wir haben das geprüft. In unserem Econ101-Ideal würden wir nämlich erwarten, dass die Arbeitnehmerinnen sobald die Löhne etwas sinken würden, sofort den Arbeitgeber wechseln würden. Aber wir sehen empirisch, das machen die erst, wenn die Löhne wirklich deeuuutlich fallen. Und aus dieser, sagen wir mal Trägheit, dieser Reaktion errechnen wir, dass die Arbeitnehmerinnen nur ca 70% ihres eigentlichen Lohnes bekommen.
Wir wissen also, das Ideal des Marktes wird hier auf Erden nicht erreicht... ("hallelujah")

Die dritte Antwort, und hier würde ich mich auch am ehesten einordnen, sagt, hey, die ersten beiden Antworten haben das Thema verfehlt. Nachsitzen! Denn damit die Antworten überhaupt Sinn ergeben, muss man bestimmen können, wieviel jede einzelne zum Umsatz, Wohlstand, --wieauchimmer-- beiträgt. Aber das ist bei kooperativen Tätigkeiten unmöglich zu bestimmen. Und schaut euch um, wer von euch arbeitet denn bitte nicht mit anderen zusammen, oder nutzt Technik die ihm vom Unternehmen bereitgestellt wird? Das sind also alles kooperative Tätigkeiten, bei denen man den Beitrag zum finalen Produkt, oder der finalen Dienstleistung nicht mehr bestimmen kann, weil meist mehrere von sich sagen könnten, dass ohne die Tätigkeit, die sie ausführen überhaupt kein solches Endprodukt entsteht.
Ich habe für dieses Video wirklich nochmal viel gelesen und irgendwie... wollte ich auch rausfinden, dass ich mich geirrt habe und es doch diesen einen Weg gibt, mit dem man mathematisch, objektiv bestimmen kann, wer was zum Umsatz und Wohlstand beiträgt. Nur wirklich gefunden habe ich dazu nichts.

Und gleichzeitig finde ich es ziemlich irritierend, dass mit dem Begriff des "Grenzproduktes" heute in der Ökonomie so unkritisch hantiert wird. Die Debatte darum ist ja nun schon asbach uralt!

Anyways, zur Eingangsfrage: Haben die Reichen ihr Einkommen verdient? Das ist aus meiner Sicht die falsche Frage. Sie sollte stattdessen lauten, "wie haben die Reichen ihr Einkommen verdient?" Und die Antwort lautet: Sie verfügen über die nötige Macht, dieses Einkommen zu erzielen.

Notes


  1. 1.

    Bach, Stefan, Charlotte Bartels, und Theresa Neef. 2026. „The distribution of national income in Germany, 1992–2019“. European Economic Review 181: 105149. doi:10.1016/j.euroecorev.2025.105149.↩︎

  2. 2.

    „Dabei führen die von Gewinnmaximierung geleiteten Verhaltensweisen der nachfragenden Unternehmen stets dazu, dass der Lohnsatz mit dem Wertgrenzprodukt der Arbeit übereinstimmt.“ (Mankiw und Taylor, 2016, p. 534) (pdf) Genau, diese Bedingung be stimmt ihre Nachfragekurve.↩︎

  3. 3.

    „In recent years, it has been increasingly recognized that many aspects of labor markets are best analyzed from the perspective that there is some degree of imperfect competition.“ (Ashenfelter und Card, 2010, p. 974) (pdf)↩︎

  4. 4.

    Hirsch, Boris, Elke J. Jahn, und Claus Schnabel. 2018. „Do Employers Have More Monopsony Power in Slack Labor Markets?“ ILR Review 71(3): 676–704. doi:10.1177/0019793917720383.↩︎

  5. 5.

    „The bottom line from these studies is that while wages do undoubtedly affect quit rates, worker mobility does not appear to be hugely sensitive to the wage, with the highest reported elasticity being about 4 and most being well below 2“ (Manning, 2011, p. 1012) (pdf)↩︎

  6. 6.

    Pullen, J. (2009). The Marginal Productivity Theory of Distribution (0 Aufl.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780203875766↩︎

  7. 7.

    „It is of great importance that we should try to formulate theoretically the rules for the imputation of productive returns . . . If we do not succeed in doing so, the valuation of production goods will remain an enigma; and the existing order of things . . . will lie under the accusation of arbitrariness, if not the worse accusation of force and injustice.“ (Pullen, 2009, p. 19) (pdf) „His aim was to provide a ‘rule by which to adjust the quarrel between owners and workers’ (1956, 78). His theory of imputation thus appears to have been driven by a political and ideological attempt to justify the ‘existing order of things’ and by market agoraphobia.“ (Pullen, 2009, p. 19) (pdf) ↩︎

  8. 8.

    „As the Roman patricians discovered, each participant in a joint project must receive benefits at least as great as in his next best alternative“ (Bowles, 2004, p. 185) (pdf)↩︎

  9. 9.

    „The drop in real wages at the bottom of the wage distribution is a widely documented trend, explained by declining union coverage (Dustmann et al., 2009), decentralization of the wage setting process combined with the threat to relocate to Eastern Europe (Dustmann et al., 2014), rising unemployment spells (Drechsel-Grau et al., 2022) as well as rising wage premium dispersion between establishments, and increasing assortativeness of workers and plants (Card et al., 2013).“ (Bach et al., 2026, p. 7) (pdf)↩︎

  10. 10.

    „The turning point for bottom 50% wages in 2007–2008 aligns with (Brüll and Gathmann, 2020), who attribute post-2007 wage growth at the lower end of the distribution to the introduction of sector-specific minimum wages.9 In 2015 the national minimum wage was introduced, which was set at 8.50 Euro per hour in 2015 and subsequently raised to 9.19 Euro by 2019. While (Dustmann et al., 2021) and Bossler and Schank (2023) find that the 2015 national minimum wage had a significant impact on earnings in the bottom half of the distribution, our Fig. 3 shows a gradual wage increase for the bottom 50% and no particular effect after 2015.“ (Bach et al., 2026, p. 7) (pdf) ↩︎